gemeinsames Forschungsprojekt seit September 2014

Das Institut für Sächsische Kultur und Sprache hat mit der TU Dresden, vertreten durch Prof. Rainer Hünecke und Frau Dr. Evelyn Koch ein neues Projekt zur Erforschung der Sächsischen Sprache begonnen. Das Institut für Germanistik, mit den Schwerpunkten Germanistische Linguistik und Sprachgeschichte, wird sich gemeinsam mit Portal e.V. unter anderem den Fragen widmen: Wieviel Sächsisch ist drin in der Alltagssprache der Sachsen?
Wie sprechen die Sachsen in den verschiedenen Regionen des Freistaates? Wie groß ist der Sprach-Unterschied zwischen drei Generationen?

Thomas Eichberg von Portal e.V. betonte zur Projekteröffnung, daß diese Forschungsarbeit ein weiterer Beitrag dazu sein wird, den Vorurteilen gegenüber der sächsischen Sprache zu begegnen. "Die Vielfalt der sächsischen Mundarten vom Vogtland bis in die Lausitz ist den meisten Menschen selbst in Sachsen nicht bekannt. Hier müssen wir ansetzen und den Bekanntheitsgrad erhöhen. Denn sprachliche Vielfalt ist auch kulturelle Vielfalt und davon hat Sachsen viel zu bieten."

Informationen zum Projekt gibt es unter dem Menüpunkt: Sprachprojekt TU Dresden

Oberlausitzisch Meissnisch Erzgebirgisch Vogtlaendisch Osterlaendisch

Karte der sächsischen Mundarten

 

Quelle: Portal e.V. - in Anlehnung an den Bergmann-Atlas und in Zusammenarbeit mit

Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden(SLUB)
- diverse Suchergebnisse, z.B. Sächsische Mundart;

Dr. des. Christina A. Anders (UNI-Kiel)
- diverse Veröffentlichungen, z.B. http://www.wahrnehmungsdialektologie.uni-kiel.de/bibliographie;

Gunter Bergmann
- diverse Veröffentlichungen, z.B. "Wörterbuch der obersächsischen Mundarten"

Legende:

Mundart-Video(s) auf der entsprechenden Einzelkarte

 

Buchtipp zur Thema:

Die obersächsische Sprachlandschaft in Geschichte und Gegenwart

 

Sprachsituation in Sachsen

1. Ausgangssituation (1)

Die historische Genese der Mundarten in Sachsen ist geprägt durch die Überlagerung und schließlich den Ersatz des Slawischen (mit Ausnahme des sorbischen Gebietes) im Zuge der Besiedlung dieses Gebietes im 12. und 13. Jahrhundert durch deutschsprachige Bevölkerungsteile aus dem niederdeutschen, dem mitteldeutschen und dem oberdeutschen Sprachgebiet (vgl. Frings 1956). Im Ergebnis dieses Prozesse entstand ein deutschsprachiges Gebiet, das wesentlich durch die Siedlungsmundarten geprägt wurde und deren Nachwirkungen auch heute noch feststellbar sind. Zu den markantesten Charakteristika gehören die historisch entstandenen Interferenzerscheinungen der obersächsischen Dialekte mit dem Niederdeutschen, dem Fränkischen und dem Bairischen. Wesentliche Merkmale der einst sehr detaillierten Binnengliederung wurden vor allem in der Monografie von Becker/Bergmann (1969, 54) zusammengefasst. Die Autoren unterschieden 5 Großgruppen mit 21 Mundarten.

Die Einteilung der Mundarten wurde nach ihrem Verhalten zu den mittelhochdeutschen Diphthongen (ou/ei) für die Wortbeispiele bzw. Leitwörter <Augen>, <Baum>, <Kleid/Kleider>, <heiß> und <Frau> wie folgt vorgenommen:

  1. Nordbairische Gruppe ([au̯gn, baːm, gloa̯d/gloɪ̯da, hoa̯s, frau̯])
    Südvogtländisch
  2. Mainfränkisch-erzgebirgische Gruppe [ba:m,dla:d, fra:]
    Vogtländisch
    Westerzgebirgisch
  3. Mainfränkisch-obersächsische Mischgruppe [bɒːm, glɛːd, frɒː]
    Osterzgebirgisch
    Vorerzgebirgisch + Vorvogtländisch
  4. Obersächsische Gruppe [bo:m, gle:d, fra:]
    Meißnisch
    Osterländisch
  5. Lausitzische Gruppe (bo:m/glɛd,fro:/frɒ)
    Oberlausitzisch (bo:m, gle:d/glɛd,fro:(ə))
    Neulausitzisch (schriftsprachnah)
    Westlausitz (Übergangslandschaft Obersächsisch/ Lausitzitzisch) [bo:m, gle:d, frɒ:]

Auf die weiteren Besonderheiten der einzelnen Landschaften aus historischer Perspektive wird jeweils mundartbezogen unter Bezugnahme auf die Karten eingegangen.

(1) Bearbeiter des Abschnittes Koch, Evelyn.

Zur Information: Erläuterungen zur Lautschrift
erlaeuterungen-zur-lautschrift.pdf

Sprachsituation in Sachsen Teil 2

2. Literaturbelege zur gegenwärtigen Sprachsituation in Sachsen (2)

abb1_dialektsiutation_mitteldeutscher_raum.jpg

Dingeldein in Stickel 1997, 130: Schematische Umgrenzung der Dialekträume nach Wiesinger 1983; farbige Markierungen vom Vf.)

Abb.1 Dialektsituation im mitteldeutschen Raum
(Dingeldein in Stickel 1997, 130: Schematische Umgrenzung der Dialekträume nach Wiesinger 1983; farbige Markierungen vom Vf.)

Der obersächsische Sprachraum nimmt innerhalb des regionalen Varietätenspektrums des Deutschen eine besondere Rolle ein. Das betrifft einerseits die historische Genese und andererseits die Traditionen der gesellschaftlichen Bewertung dieser Regionalsprache. Es mag deshalb verwundern, dass es bisher kaum größere Untersuchungen gibt, in denen der tatsächliche Sprachgebrauch in verschiedenen Kommunikationssituationen erhoben und analysiert wurde. Im Fokus der Aufmerksamkeit der letzten Jahre standen Untersuchungen zur auto- und heterostereotypen Bewertung der Sprachlandschaft, Untersuchungen zur Wahrnehmungsdialektologie (vgl. Hundt 1996, Anders 2007, 2010, Lameli 2009) und Untersuchungen zu prosodischen Eigenschaften des Obersächsischen (Kügler 2007, Gilles 2005, Selting 2003). In gegenwärtig laufenden größeren Projekten (Marburger Projekt REDE / Mannheimer Projekt Variation des gesprochenen Deutsch) wurden und werden nur partiell Daten aus dem obersächsischen Gebiet erhoben. Gegenwärtig bildet insbesondere die komplexe Beschreibung jüngerer Sprachschichten ein Forschungsdesiderat. Wenn Dingeldein (2001) resümiert: „Im mittleren und östlichen Thüringen und in Sachsen haben sich neue regionalsprachliche Varianten herausgebildet, in denen Elemente des Dialekts mit der Standardsprache eine Verbindung eingegangen sind“ (2001, 47) so handelt es sich für den Raum Sachsen lediglich um ein Postulat, da die aktuelle Sprachsituation nicht empirisch untersucht und dokumentiert wurde. Diese Feststellung hat Dingeldein bereits 1997 getroffen und zusätzlich die folgende hypothetische Darstellung zur Verbreitung und Entwicklung der Sprachvarietäten in „Mitteldeutschland“, die auf eine Karte von Wiesinger (1983) zurückgeht, beigefügt (vgl. Abb. 1). Danach ist es besonders der obersächsische Sprachraum, indem es neben dem postulierten Rückgang der Dialekte zur Entstehung neuer Varietäten kommt, die allerdings bisher so nicht in empirischen Untersuchungen nachgewiesen sind.

(2) Dieser Abschnitt stammt aus der Veröffentlichung von Hünecke/Koch/Koch (2012) In: Hünecke/Jakob: Die obersächsische Sprachlandschaft in Geschichte und Gegenwart S. 143ff

Text als Download: Sprachsituation in Sachsen, Punkt 1 und 2
sprachsituation-in-sachsen_pkt_1-2.pdf

Sprachsituation in Sachsen Teil 3

Merkmale der obersächsischen Regionalsprache (3)

Beschreibungen der sprachlichen Merkmale der obersächsischen Regionalsprache sind bereits vor der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden und wurden vor allem von Schirmunski (1962) Bergmann/Becker (1969), Mihm (1998) und Hirschfeld (1999) zusammengefasst und vielfach zitiert. ln Rues et al. (2007, 93) werden folgende Merkmale erwähnt:

Vokale + Diphthonge

Entrundung der Umlaute <ö, ü> und des Diphthongs <eu>

Monophthongierung von mhd. <ei> und mhd. <ou>

Vokalsenkung vor <r>

Verdumpfung der A-Laute

Diphthongierung der O-Laute

Konsonanten

Keine Lenis-Fortis-Unterscheidungen bei den Plosiven bzw. Zusammenfall der beiden Plosivreihen zu stimmlosen Lenes als Folge der binnendeutschen Konsonantenschwächung, wodurch es im Anlaut und lnlaut zu Homophonien kommt (<packen, backen> <Töne, ich dehne>, <kriechen, Griechen>, <leiten, leiden>)

lntervokalisch werden <g> und <b> frikativ realisiert (<Flügel> <Vogel> <lebendig>)

Realisierung der Affrikate <pf> als [p/b] im ln- und Auslaut und als [f] im Anlaut entsprechend der ostmitteldeutschen

Regel (<Strumpf> <Apfel> <Pfund>)

Stimmlose Aussprache von anlautendem <j> und <s> (<jetzt> <sagen>)

S-Palatalisierung zwischen <r> und <t> (<erst> <Durst>)

Lexik

Typische kleine Kennwörter: z.B. (<ein> <wir> <eine> <meine> <gleich> <nicht>)

Völlig beseitigt seien nach Bergmann und Becker (1969, 143) andere primäre Merkmale der obersächsischen Mundarten, wie die Hebung und Senkung der E-Laute im Vergleich zum Standard (<Schnee> <Wetter>) die Hebung der O-Laute <Brot>, der R-Ausfall <unser> und die sog. Gutturalisierung, eine Rückverlagerung der Artikulationsstelle (<hinter>).

Als weitere Merkmale werden in der Literatur (vgl. Rues 2007,99) angeführt:

Häufig auftretende Zwischen- und Ersatzformen bei den Frikativen [ç] und [ʃl (<technisch>) (Fleischer L96L, L62).

Auch Auer u.a. (1993, 82) weisen auf die tendenziell alveo-palatalisierten bzw. koronalisierten lch-Laute vor allem nach

Vordervokalen und nach <r> hin (<sich> bzw. <durch>). Hirschfeld (1999, 117) erwähnt, dass die nicht normgerechte Aussprache des lch-Lautes im Raum Dresden besonders ausgeprägt sein soll. Bergmann (Bergmann 1992, 9) verweist demgegenüber auf entsprechende Formen vor allem im Leipziger und Chemnitzer Raum.

Tendenz zu besonderen Reduktionen der auslautenden R-Laute bis hin zu uvularen bzw. pharyngalen Approximanten (Auer, Barden und Großkopf L993, 82 f.)

Zentralisierungstendenz des gesamten Vokalsystems mit Ausnahme der E-Laute (Auer, Barden und Großkopf 1993, 83;

Hirschfeld 1999, 116; livonen 1996, 229ff.)

Generelle Öffnungstendenzen bei den E-Lauten (vgl. Hirschfeld 1999, 116)

Hinweise auf besonders offene bzw. diphthongierte E-Laute als besonderes Erkennungsmerkmal des Meißnischen bzw. der Dresdner Stadtsprache finden sich mehrfach bei Albrecht 1881,4; Große 1955, 37; Protze 1957, 131.

Besonders markant geprägt wird die Stadtsprache von Dresden darüber hinaus durch Totalassimilationen und Kontraktionen (<ich weiß nicht>, <habe ich>, <sächsisch>, <haben wir sie>). Auffallend sind weiterhin eine Schwa-Epenthese nach reduzierten Endsilben (<haben>, <hatten>, <trinken> und die häufige Realisation des  Negationspartikels <nicht> als [nɪ] bzw. [nʊ] für <ja> (Große 1955, 36; Bergmann und Becker L969,144; Bergmann 1992, 9).

(3) Die Darstellung wurde aus Rues/Redecker/Koch/Wallraff/Simpson 2007, S.13 f. entnommen.

Text als Download: Sprachsituation in Sachsen, Punkt 3
pkt_3_merkmale-der-obersaechsischen-regionalsprache.pdf

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September 2014: Jump-Interview mit Thomas Eichberg

JUMP-Spezial: Dialekt - Heimat oder einfach nur peinlich?

Das Thema Mundart und Dialekt wird immer wieder thematisiert. Wenn es um "das Sächsisch" geht wird oft gefragt, ist Sächsisch noch eine Mundart, ist es ein Dialekt und ist Sächisch nicht eigentlich peinlich oder doch "cool"?
Thomas Eichberg, vom Verein Portal e.V., aus Dresden im Jump Interview...

Interview mit Thomas Eichberg bei JUMP anhören.

radio eins vom rbb: Sächsisch in der Wissenschaft

Radiointerview mit Beat Siebenhaar

August 2014: Wenn es um Sächsisch in der Wissenschaft geht, dann darf ein Name nicht ungenannt bleiben, Beat Siebenhaar, Professor für Germanistik und Sprachwissenschaft an der Universität Leipzig. Was ist Sächsisch eigentlich wissenschaftlich betrachtet?

Das Interview mit Beat Siebenhaar bei radio eins anhören.

Mundart

"Die Dialekte sterben aus!" Diesen Satz hat sicher schon jeder in der einen oder anderen Variante gehört. Als Befürchtung, als nüchterne Feststellung oder aber auch als wünschenswertes Ergebnis der neueren Entwicklungen, denn der Dialekt erschwere doch bloß die Verständigung zwischen Nord und Süd, Ost und West, mache untauglich für die Globalisierung und sei bestenfalls etwas für alte Leute. Aber Totgesagte leben länger! Denn es gibt Dialektwettbewerbe, Dialekt in der Schule und in den elektronischen Massenmedien (auch im Internet) und Dialektkolumnen in Tageszeitungen erfreuen sich großer Beliebtheit und beweisen den Lesern teilweise erst wirklich, dass ihre Zeitung in der Gegend erscheint, in der sie sich heimisch fühlen. Dialekt hat also sehr viel mit Heimatgefühl zu tun und mit der Vorstellung von der eigenen Identität. Und jeder, der einmal quer durch Deutschland fährt, kann sich von der Existenz der Dialekte überzeugen, denn von Bahnhof zu Bahnhof ändert sich langsam aber deutlich hörbar die Art des Sprechens bei den Mitreisenden. Und dieser erste Eindruck würde sich noch verstärken, stiege man an jeder Station aus und hörte den Menschen ein bisschen zu. Es gibt die Dialekte also noch.

Das Sächsische gehört zur Dialektgruppe des Mitteldeutschen, dem nördlichen Teil des Hochdeutschen. Hierzu zählt man die Mundarten zwischen der Benrather Linie im Norden (nördlich der Bennrather Linie sagt man "ik" und "machen", südlich davon "ich" und "machen") und der Germersheimer Linie im Süden (nördlich der Germersheimer Linie sagt man "appel" und "pund", südlich davon "apfel" und "pfund"). Neben dem Westmitteldeutschen (im Dreieck Köln, Frankfurt, Karlsruhe) liegt das Ostmitteldeutsche mit den innerdeutschen Dialekträumen Thüringisch, Obersächsisch und Lausitzisch. Die seit 1945 zu Polen und Tschechien gehörenden Gebiete östlich davon zählen sprachhistorisch ebenfalls zur ostmitteldeutschen Dialektgruppe. Die dortigen deutschen Dialekte wie Schlesisch, Oberländisch oder Riesengebirgisch werden aber so gut wie nicht mehr gesprochen und wurden durch die Nationalsprachen des Polnischen und Tschechischen verdrängt.

Umgangssprachlich wird der Dialekt gerne als "Sächsisch" bezeichnet, was sprachwissenschaftlich jedoch falsch ist. Die korrekte wissenschaftliche Bezeichnung lautet heute "Obersächsisch", wohingegen man in früheren Abhandlungen den gleichen Mundartraum gerne noch als "Thüringisch" bezeichnete. Der (ober-)sächsische Dialekt selbst hat aber wie jeder andere Dialekt auch starke regionale Ausprägungen, die sich wiederum grob als Osterländisch, Meißnisch und Erzgebirgisch unterscheiden lassen.