Archäologie in Sachsen - Archäologie für den Bürger

In dieser Rubrik wollen wir der Frage nachgehen, in wieweit ein archäologisches Bewusstsein in Sachsen ausgeprägt ist. Die künstliche Bearbeitung von Materialien, die Herstellung von Werkzeugen gehört mit zu den existentiellen Schritten der Menschheitsgeschichte. Einstige ausgeklügelte Klingen- und Pfeiltechniken bildeten Artefakte besonderer Güte. Wir möchten Unterstützung geben, wie man derartige Kulturschätze erkennen kann. Die meisten der Spuren unserer Vorfahren sind im Gelände gar nicht sichtbar. Doch liegen menschliche Abdrücke deutlich unter jedem unserer heutigen Schritte. Besonders wertvolle, sichtbare archäologische Kulturgüter stehen unter einem eigenen Schutz. Erkennbar an dem Schutzschild „Bodendenkmal“.

Die Ortsakte Seebschütz - Was bleibt? Max Andrä und die Eisenzeit

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Eine mit Bronze verzierte eisenzeitliche Gürtelschnalle, gefunden von Max Andrä, dokumentiert auf einer Karteikarte des Königlichen Archivs urgeschichtlicher Funde aus Sachsen.

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Nadeln, Ringe, Fibeln, Schnallen und Knochensplitter, gefunden von Andrä. Die Stücke sind nicht mehr auffindbar, die Karteikarte des Königlichen Archivs urgeschichtlicher Funde aus Sachsen ist schwer beschädigt.

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Die weiter unten, groß abgebildete Braubacher Schale ist hier als Zeichnung zu sehen.

Was bleibt? Die Ortsakte Seebschütz und was sie uns über Land und Leute erzählt.

Der Bauernweiler Seebschütz ist flussabwärts von Meißen und südlich von Zehren auf einer Lösskuppe 200m oberhalb der Elbe gelegen. Erwähnung fand dieser Ort 1334 erstmals als Sevschicz, doch bereits zu Beginn der Jungsteinzeit, das belegen die Funde, ließen sich hier die ersten Siedler nieder. Zu verdanken haben wir dieses Wissen dem 1866 in ebendiesem Ort geborenen Gutsbesitzer Max Andrä. Schon als 12jähriger war sein Interesse für vorgeschichtliche Grabungen durch einen Lehrer der Realschule Bautzen geweckt worden, ein neolithisches Steinbeil war sein erster, zufälliger, Fund. Diese Entdeckung, es war Anfang der 1890er Jahre, beflügelte seinen Forschergeist und es sollte nicht lange dauern, da offenbarte ihm der tiefgreifende Pflug weitere Hinterlassenschaften vergangener Kulturen.

1894 fand er beim Feimendecken eine schwarze mit Stempelmuster verzierte Urne, auf ihr lag eine eiserne Gewandsicherheitsnadel, eine sogenannte Fibel. Obwohl von der Feldarbeit zerdrückt, konnte er sämtliche Scherben bergen. Um das Alter dieses Fundes zu erfahren, wandte er sich an das Prähistorische Museum zu Dresden. „Das ist ja Latène! Suchen Sie weiter!“, rief freudestrahlend Hofrat Professor Dr. Deichmüller (Andrä 1940, 50).

Max Andrä hatte auf einem seiner Felder eines der wichtigsten latènezeitlichen [1] Urnenfelder Sachsens entdeckt. In den folgenden Jahren barg er nach und nach die Trümmer von circa 50 weiteren Urnen sowie zahlreiche Fibeln. Im Laufe seines Lebens fand Andrä auf seinen und den umliegenden Ackerflächen Spuren band- und schnurkeramischer Kulturen, der Bronzezeit, der älteren und jüngeren Eisenzeit, der Slawen, des Frühmittelalters und der Neuzeit. In den Lössböden der Fluren um Seebschütz lassen sich über 7000 Jahre Siedlungsgeschichte studieren!

Über 50 Jahre hatte Max Andrä die Scholle seiner Väter nach den Hinterlassenschaften früherer Siedler abgesucht und eine erstaunliche Vielzahl an Werkzeugen, Schmuck sowie Gerätschaften aller Art und unterschiedlichster Zeitstellung geborgen. Es genügte Ihm nicht, die Fundstücke nur zu besitzen, er wollte auch verstehen, was sie zu erzählen hatten. Dies gelang ihm durch das Studium einschlägiger Literatur und einem regen Kontakt zu Fachleuten wie Johannes Deichmüller, Georg Bierbaum und Alfred Mirtschin.

„Was wüssten wir von Ihrer Gegend, wenn Sie nicht gesammelt hätten.“, sagte einstmals Johannes Deichmüller zu Max Andrä (Andrä 1941, 12). Sicherlich weniger – doch leider hatte Andrä im Drange der Flurbestellung die Katalogisierung seiner Funde versäumt. Im Falle des eisenzeitlichen Urnenfeldes wusste er nur noch, dass die Urnen aufrecht und nur so tief gestanden hatten, dass sie der tiefgehende Pflug anriss. Es fehlen die genauen Fundorte sowie die Befunde, für eine Beleuchtung ur- und frühgeschichtlicher Lebensumstände reichen die Fundstücke alleine nicht aus. Doch selbst von diesen ist kaum noch etwas vorhanden.

Nach Max Andräs Tod im Jahre 1946 übernahm sein Adoptivsohn Georg Andrä das Gut und präsentierte dort die Sammlung seines Vaters. Ein Teil der Fundstücke war, schon zu Max Andräs Zeiten, an das Museum Meißen verliehen worden. 1971/72 verließ die Familie den Hof, der daraufhin schnell verfiel. 1975 suchte der Archäologe Reinhard Spehr das Andrä´sche Wohnhaus auf. „Auf dem teilweise abgedeckten Dachboden des völlig verlassenen Wohnhauses lagen zwischen großen Mengen Gerümpels Berge vorgeschichtlicher Scherben, zahlreiche Feuersteingeräte, Klopfsteine und 30 Mahlsteine. Alles fand ich ohne Zusammenhang, ohne Nummern und Fundzetteln, teilweise schon grün bemoost.“ (Ortsakte Seebschütz).

 

 

[1] La-Tène-Kultur: archäologische Kultur, benannt nach einem in der Schweiz gelegenen Fundplatz. Zeitstellung: Jüngere Vorrömische Eisenzeit, 500 bis Chr. Geb.

Eine "Braubacher Schale" aus der Latène-Zeit. Es ist das einzig komplett erhaltene Stück der Sammlung Andrä im Landesamt für Archäologie. Typisch für diese Ware ist die "Omphalos" genannte Wölbung im Boden und die innenseitige Stempelverzierung.
© Landesamt für Archäologie | Foto: R. Schlosske

Was war und was bleibt? Geschichte und Geschichten aus Sachsen, aufgezeichnet in über 4000 Ordnern, konserviert im Ortsaktenarchiv des Landesamtes für Archäologie.


Verwendete Literatur:
Andrä, Max: Wie ich volkskundlicher Sammler wurde. In: Das Heimatmuseum, Jg. 13, Heft 3/4, 1941. S. 12-15.
Andrä, Max: Wertvolle Funde aus der La-Tène-Zeit. Von Bauer Max Andrä – Seebschütz über Meißen. In: Sächsischer Bauernkalender, 1940. S. 50 ff.
Mirtschin, Alfred. Germanen in Sachsen: im besonderen im nordsächsischen Elbgebiet während der letzten vorchristlichen Jahrhunderte; eine heimatgeschichtliche Studie. Riesa 1933. S. 56-85.
Strauß, David. Der wissenschaftliche Wert archäologischer Amateursarbeit anhand von Max Andrä. Sächsisches Landesgymnasium Sankt Afra (Besondere Lernleistung). Meißen 2008.
Interne Akte zur Sammlung Andrä. Landesamt für Archäologie.
Ortsakte Seebschütz. Landesamt für Archäologie.


Verfasser: Rüdiger Schlosske | Email: r.schlosske@portal-ev.de


Der Dialog ist uns wichtig – das Archäologieforum der Sachsen1 Gemeinschaft steht Ihnen für Kritik, Anregungen und Fragen zur Verfügung.

Indy, Lara und Jean-Luc

Die berühmtesten Archäologen unserer Zeit

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Fedora und Bullenpeitsche

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Hiram Bingham III vor seinem Zelt nahe Machu Picchu, 1912.

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Blick von Hisarlık aus dem „Schliemanngraben“ über die Ebene der Troas zu den Dardanellen.

Wer kennt sie nicht: Indiana Jones, Lara Croft, Sydney Fox, der archäologische Laienforscher Captain Jean-Luc Picard vom Raumschiff U.S.S. Enterprise – die berühmtesten Archäologen unserer Zeit. Welche andere wissenschaftliche Disziplin kann mit vergleichbar bekannten Protagonisten aufwarten?

Ihr Leben ist kurzweilig und aufregend, ihre Funde und Erkenntnisse sind spektakulär. Wie nüchtern hingegen stellt sich der Alltag eines, meinethalben sächsischen, Feldarchäologen dar. Nicht mit Bullenpeitsche oder Phaser, sondern bewaffnet mit Kelle, Pinsel und Handfeger, kniet er über kleinteiligen Scherbenresten. Langweilige Monografien, die außer einer Handvoll Kollegen kaum einen Leser fesseln werden, sind die Früchte seiner Arbeit. Nun sind die oben genannten Damen und Herren fiktive Charaktere und, vielleicht mit Ausnahme von Captain Picard, Raubgräber. Einzig und allein am materiellen Wert der Artefakte interessiert, scheren sie sich kaum um Recht und Gesetz, ein forschungsbezogener Ansatz ist nicht zu erkennen. Die Zerstörung der Befunde, und nur die lassen eine kulturhistorische Deutung der Fundstücke zu, wird billigend in Kauf genommen. Hier wird eine Archäologie geschildert, die, vollkommen objektorientiert, kunstgewerblich hochrangige und im Verkauf einträgliche Einzelstücke jagt.

Doch diese Form der Archäologie war in früheren Zeiten nicht unüblich und für Indy gab es sogar eine leibhaftige Vorlage. Die Figur des Dr. Henry Walton „Indiana“ Jones – smart wie Cary Grant, zupackend wie James Bond und schlau wie Albert Einstein – wurde inspiriert durch Hiram Bingham III., dem Gatten einer millionenschweren Tiffany-Erbin. Auf einer seiner Südamerika-Expeditionen stieß der US-Amerikaner Bingham am 24. Juli 1911 auf die Ruinen von Machu Picchu. Seine darauf folgenden Beutezüge durch Peru, bei denen er über 5000 kostbare Artefakte unter einem Vorwand außer Landes schaffte, belasten bis heute das Verhältnis zwischen der peruanischen Regierung und dem Yale Peabody Museum nahe Boston. Die Bedeutung der grandiosen Ruinen hat Bingham nie erfasst, wissenschaftlich gesehen war er eine Niete.

Auch Heinrich Schliemann gehörte, zumindest während seiner frühen Grabungskampagnen, zu Gattung der archäologischen Glücksritter und Raubgräber. Bei seiner Suche nach der antiken Stadt Troja, Anfang der 1870er Jahre, ließ er kurzerhand einen 15m tiefen und 40m breiten Graben durch den im Nordwesten der Türkei gelegenen Siedlungshügel Hisarlik treiben. Er wühlte sich achtlos durch jene Schichten, die das Troja aus den Schilderungen Homers gewesen sein könnten – genau danach suchte er ja. Zwar fand er in einer tieferen, älteren Schicht den sogenannten „Schatz des Priamos“, zerstörte dabei allerdings unwiederbringlich die Siedlungsspuren aus sämtlichen jüngeren Schichten. Mit dem letzten König von Troja hat der Fund nichts zu tun, Schliemann hatte zu tief gegraben. Obwohl durch die ihm ausgestellte Grabungserlaubnis verpflichtet, den Fund den osmanischen Behörden zu melden, brachte er ihn heimlich außer Landes [1].

"Wir suchen nicht nach Dingen, sondern nach Fakten.", sagt Indiana Jones im dritten Filmteil zu seinen Schülern. Gehalten hat er sich nie daran, doch genau darum geht es in der Archäologie. Deren Selbstverständnis hat sich glücklicherweise grundlegend verändert, das Abenteuer Archäologie findet jetzt auf anderen Ebenen statt. Bingham und Schliemann können kein Unheil mehr anrichten und unsere altertumsbegeisterten Filmhelden haben vielleicht sogar zu einem wachsenden Interesse an archäologischer Arbeit beigetragen. Wohl täglich kann man auf einem der zahlreichen Fernsehkanäle eine Sendung zur Archäologie finden, auch die Online- und Printmedien halten ein breites Angebot zu diesem Themenbereich bereit und helfen, das in den Abenteuerfilmen vorgestellte Bild zu korrigieren.


[1] Heinrich Schliemann hat durch seine unbekümmerte Vorgehensweise bei den ersten Grabungen in Hisarlik viel Kritik geerntet. Sicherlich ist ihm auch selbst aufgegangen, dass seine „Grabungstechnik“ suboptimal war und – ein ehernes Gesetz der Archäologie – man nur ein Mal etwas ausgraben kann. In den folgenden Jahren und bei Grabungen an anderen Orten ging er erheblich vorsichtiger zu Werke und machte sich schlussendlich doch um Archäologie und Grabungstechnik verdient. Zu verdanken hat er dies der Mithilfe des Architekten und Archäologen Wilhelm Dörpfeld, welcher als Begründer des modernen Grabungswesens gilt.


Verwendete Literatur:
Smolnik, Regina: Kollege Sísyphos? Vor- und frühgeschichtliche Sammlungen, modernes Sammlungsmanagement und das Problem der Masse. (Vortrag Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum, Berliner Herbsttreffen zur Museumsdokumentation, 19.10.2005)


Verfasser: Rüdiger Schlosske | Email: r.schlosske@portal-ev.de

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Vom Urnenstechen und selbst wachsenden Töpfen

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Englische Landpartie mit geöffnetem Grabhügel.

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Petrus Albinus: Meißnische Bergk Chronica von 1590.

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Eines von etwa 2000 Gräbern der jungbronze- bis früheisenzeitlichen Nekropole in Niederkaina.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Aufbruch zu einem allgemeinen Interesse an archäologischer Feldarbeit. Als verdienstvolle Pioniere ernsthafter Forschung seien für Sachsen, neben anderen, Karl Benjamin Preusker (1786-1871) und Gustav Friedrich Klemm (1802-1867) genannt.

Im 19. Jahrhundert war das Ergraben von Altertümern oftmals ein Freizeitvergnügen des Bürgertums, zeitweise geradezu ein Volkssport. Man zog mit Kind und Kegel ins Freie, die Damen festtäglich gekleidet, mit Sonnenschirmchen, und ließ einen Grabhügel derart freilegen, dass sich bei dessen Anblick jedem heutigen Archäologen die Haare dauerhaft sträuben würden. Es war ein Sonntagsvergnügen mit Spiel und Picknick.

Einen pittoresken Eindruck dieser Kurzweil vermittellt ein zeitgenössischer Bericht aus dem Gentleman`s Magazin von 1852:"Es bedurfte der Arbeit von vier Tagen, um den Grabhügel völlig zu zerschneiden, aber wir, die wir nicht nur zu graben hatten, wußten unsere Zeit zur vollen Zufriedenheit der ganzen Gesellschaft zu verwenden...Es waren reichlich Nahrungsmittel für ein Picknick auf dem Hügel herbeigeschafft worden, und wir blieben den ganzen Tag über auf dem Hügel und beobachteten und leiteten die Arbeiten. Es gelang uns, die Zeit in den Pausen zwischen graben und essen mit Spielen der verschiedensten Art hinzubringen...und mit anderen Vergnügungen..." (Wheeler 1960, 15). Diese Neugier, dieser Spieltrieb, dieses Gefühl eines fröhlichen Abenteuers, war das Larvenstadium einer geistigen Kultiviertheit, aus dem die moderne Archäologie hervorgehen sollte.

Beliebt war ebenfalls das sogenannte „Urnenstechen“. Grabfelder gab es zu damaliger Zeit noch in großer Zahl, mit dem Beginn der „landwirtschaftlichen Revolution“ sind diese nach und nach durch den Pflug eingeebnet worden. In der Regel bestehen solche Gräber aus einer Urne mit dem Leichenbrand und umstehenden Beigefäßen mit Grabbeigaben unterschiedlicher Art.

So zog man mit Eisenstäben oder Holzscheiten bewaffnet auf diese Felder und stach damit an vielversprechenden Stellen in die Erde, um Urnenstandorte ausfindig zu machen. Der Hohlraum einer Urne wurde beim Durchstoßen des Gefäßes offenkundig.

In einem zeitgenössischen Bericht von Petrus Albinus [eigentlich Peter von Weiße; Professor in Wittenberg,1543-1598, gilt als Begründer der sächsischen Geschichtsschreibung] in „Meyßnische Bergk Chronica“ von 1589, heißt es hierzu:“ Die Lausitzer bei Luben nennen sie gewachsene Töpfe, denn eins theils des gemeinen Volks nicht anders denken, als sollen sie in der Erde gewachsen seyn, gleich wie sie sich in Türingen nicht anders bereden lassen, als haben sie die Zwerg gebraucht und hinter sich verlaßen... Die letzteren seyn der meinung das sie nur im Sommer können gegraben werden, derhalben das sie außerhalb der Sommerzeit, in die 15, 18, 20 Schuh tief in der Erde liegen sollen, im Sommer aber und bald umb Pfingsten nicht über eine Elle tief.“ (Preusker 1844, 186).

Die Einen waren also der Meinung, die Töpfe wären naturgewachsen und würden durch ebendieses Wachstum die Hügel aufwerfen, andere wiederum machten Zwerge oder Erdmännchen hierfür verantwortlich. Selbst noch im Jahre 1816, in einer Geographie des Großherzogtums Polen, ist von „natürlichen Gewächsen“ die Rede. Die noch im frühen Mittelalter vorhandene Vorstellung, dass die Hügel auf den Feldern alte Gräber darstellen, war offensichtlich verloren gegangen.

Nach dem Ergraben ließ man die Urnen eine Weile vor Ort stehen:“… weil sie aber weich, lassen sie dieselben als umgraben ein weil stehen, bis sie hart werden, sonsten kann man sie nicht herausbringen, sondern sie zermahlmen sich wie ein Asch.“ (Preusker 1844, 186).

Den so gewonnenen Gefäßen wurden allerlei Heil- und Zauberkräfte zugeschrieben. Wasser daraus getrunken sollte das Fieber senken, in Urnen gegossene Milch bessere Sahne und Butter geben und der aus den Töpfen gesäte Same besser gedeihen. Wer es hingegen als Nachtgeschirr benutze, käme übel weg!

So kurios uns Verhalten und Denkweise heutzutage vorkommen mögen, so ist die Verwendung ur- oder frühgeschichtlicher Fundstücke als Haushaltsgerät doch besser, zumindest sinnstiftender, als unter dem Pflug moderner Landmaschinen pulverisiert zu werden. 


Verwendete Literatur:
Preusker, Karl: Blicke in die vaterländische Vorzeit. Sitten, Sagan, Bauwerke und Geräthe, zur Erläuterung des öffentlichen und häuslichen Volkslebens im heidnischen Alterthume und christlichen Mittelalter der sächsischen und angränzenden Lande; für gebildete Leser aller Stände (Band 3). Leipzig 1844.
Wheeler, Mortimer: Moderne Archäologie. Methoden und Technik der Ausgrabung. Hamburg 1960.
Die Vorgeschichte Hessens. Hrsg. von Fritz-Rudolf Herrmann und Albrecht Jockenhövel. Stuttgart 1990.
Eggers, Hans Jürgen: Einführung in die Vorgeschichte. München 1959.


Für den gebildeten Leser: Preuskers "Blicke" sind als Digitalisat im Internet abrufbar.
Verfasser: Rüdiger Schlosske | Email: r.schlosske@portal-ev.de

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Sachsens erste Bauern - Ernährung und Landwirtschaft

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Jungsteinzeitliche Essensreste und Geschirr: Mahlsteine, verkohltes Brot, verkohlte Getreidekörner und Äpfelchen, Kochtopf aus Ton, Trinkgefäße aus Hirschgeweih und Holz.

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Getreideährenrest, circa 7000 Jahre alt, gefunden in dem bandkeramischen Brunnen aus Altscherbitz.

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Einkorn, mit und ohne Spelzen.

Zentrales Merkmal des Neolithikums, der Jungsteinzeit, ist der Übergang von der aneignenden zur produzierenden Lebensweise. Den Anstoß zu dieser Entwicklung in Mitteleuropa gaben über den südöstlichen Donauraum nach Norden vordringende Siedler. Mit diesen gelangten dann, vor zirka 7500 Jahren, hoch entwickelte Kenntnisse des Ackerbaus und der Viehzucht, samt des Saatguts und eines Grundstocks an Hausvieh, nach Mitteldeutschland. Die Landeinnahme erfolgte zuerst auf den fruchtbaren Schwarzerden der Lössgebiete. Diese Böden waren nährstoffreich, gut durchwurzelbar und mit einem hohen Wasserspeichervermögen ausgestattet. Das Klima war vorteilhaft, die mittleren Jahrestemperaturen lagen um 2° C höher als heutige Vergleichswerte. Mit lichtoffeneren Standorten durchsetzte Eichenmischwälder prägten die damalige Landschaft, gesiedelt wurde vorrangig an den Terrassen längs der Bach- und Flussläufe.

Der Mensch begann die Landschaft zu gestalten und zu verändern. Freie Flächen für den Siedlungsbau, für Gärten, Äcker und Weiden, mussten erweitert oder neu geschaffen werden. Für die Gewinnung von Werk-, Brenn- und Bauholz, sowie von Laubheu und Baumrinden zur Fütterung der Nutztiere, war eine richtige Waldwirtschaft von Nöten. Zur Futter- und Brennholzgewinnung bediente man sich der sogenannten Schneitelwirtschaft. Die Bäume wurden hierzu in ca. 180cm Höhe gekappt, um die jungen Triebe zu verfüttern und die größeren Äste als Brennholz zu nutzen. Die Viehhaltung erfolgte auf halboffenen Waldweiden, eine Hudewirtschaft. Die Früchte der Eiche lieferten kalorienreiches Futter, eine für die Schweinemast unabdingbare Voraussetzung. Rotwild, Reh, Auerochse, Wisent und Wildschwein belebten die Wälder, Pferde das offenere Gelände. Biber, Otter, Luchs und Marder waren wegen ihrer Felle begehrt. Insgesamt steuerte die Jagd aber nur einen geringen Teil zur Ernährung bei.

Die bandkeramischen Bauern waren vor allem Rinderzüchter, Milchbauern, und besaßen ein ganz besonderes Merkmal: die Laktasepersistenz. Die Fähigkeit, Milch auch im Erwachsenenalter zu verdauen, nahm mit der Kultur der Bandkeramik ihren Anfang. Durch Fermentation gewann man Produkte wie Quark, Joghurt und Käse. Vermutlich war die Milchverträglichkeit ein Vorteil im Besiedelungsprozess. Milch ist, im Gegensatz zu anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, ständig verfügbar.
Die Kastration von Stieren wurde häufiger vorgenommen, erkennbar ist dies durch morphologische Veränderungen an aufgefundenen Hornzapfen [1]. Hierbei ging es nicht um die Steigerung der Fleischproduktion, die Ochsen wurden als Reit- und Zugtiere, z. B. im Wald zum Holzrücken, eingesetzt. Die Verwendung eines Pfluges ist nicht nachgewiesen, kann aber vermutet werden. Neben Rindern hielt man Schafe und Ziegen, Schweine stellten die Fleischversorgung sicher. Fischfang wurde mittels Reusen und Netzen betrieben, Muscheln und Schnecken ergänzten den Speiseplan.

Im Feldbau wurden vorrangig die Weizenarten Emmer und Einkorn angebaut, aber auch Gerste und Hirse. Angepflanzter Flachs diente der Ölgewinnung und Herstellung von Textilien, aber auch zur Produktion von Netzen, Säcken, Stricken und Seilen. Wohl eher im hausnahen Garten wuchsen Erbsen und Linsen. Die Felder und Gärten waren, um sie vor Tierverbiss zu schützen, von Niederwald und Hecken umhegt. Diese waren gleichzeitig Lieferant von Reisig, Nüssen, Stein- und Beerenobst, sowie von Flechtmaterial.
Ein Fruchtwechsel auf den Feldern wird vermutet, genauso wie ein winterlicher Halm- und sommerlicher Hackfruchtbau. Ob für die Getreideernte Steinsicheln eingesetzt wurden ist nicht geklärt, zumindest die Ähren von Emmer und Einkorn lassen sich gut mit der Hand brechen. In einem Holzmörser wurden die Körner von den Ähren gelöst, die Säuberung von den Spelzen erfolgte mithilfe einer Worfel, einer Getreideschwinge. Verarbeitet wurde das Getreide zu Mus, Brei oder Suppe. Das zum Brotbacken benötige Mehl wurde mittels einer aus Mahlstein und Läufer bestehenden Schiebemühle hergestellt.

Allgemein angenommen wird eine auf Getreideanbau ausgerichtete Ernährung, der bei Zahnuntersuchungen festgestellte niedrige Kariesbefall lässt allerdings eher auf eiweißreichere Nahrung schließen. Wie dem auch sei, die starke Diversifizierung von Viehwirtschaft und Ackerbau ermöglichte den Bandkeramikern ein Überleben auch in Zeiten von Krankheit, Not und Missernten. Sie ist einer der Hauptgründe ihres Siedlungserfolgs.


[1] Bei horntragenden Wiederkäuern bildet das Stirnbein einen knöchernen Hornzapfen in das Horn.


Verwendete Literatur:
Ennen, Edith und Janssen, Walter: Deutsche Agrargeschichte. Vom Neolithikum bis zur Schwelle des Industriezeitalters. Wiesbaden 1979.
Lüning, Jens: Deutsche Agrargeschichte: Vor- und Frühgeschichte. Stuttgart 1997.
Kreuz, A. M.: Die ersten Bauern Mitteleuropas – eine archäobotanische Untersuchung zu Umwelt und Landwirtschaft der ältesten Bandkeramik. Leiden 1990. (Hochschulschrift. Analecta Praehistotica Leidensia. Band 23.)


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Vor 14.000 Jahren in Sachsen - Die Pferdegravierungen von Groitzsch

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Die Rückseite.

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Rückseite mit mit eingefärbter Pferdedarstellung. Deutlich erkennt man den Einstich am Übergang vom Hals- zum Brustbereich.

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Vorderseite. Hier ist die Gravur auf der linken Seite. Am einfachsten erkennt man sie, wenn man den kommähnlichen Einstich sucht und dann der Halslinie nach oben folgt. Dreht man das Plättchen um 180° erkennt man noch eine Darstellung.

Das Schieferplättchen ist noch nicht einmal scheckkartengroß und das ungeübte Auge tut sich schwer, in den feinen, eingeritzten Linien eine Form ausfindig zu machen. Hat man diese erst mal erfasst, so ist es in Zukunft ein Leichtes, die eingravierten Pferdeköpfe zu erkennen. Sie nehmen schon nach einem kurzen Blick Gestalt an.

Am 5. November 1958 fand der Archäologe Rolf Dunkel auf dem Kapellenberg eine Platte aus dunkelgrauem Tonschiefer. „Ein Pferd, ein Pferd!!“ rief R. Dunkel, nachdem er den Fund flüchtig gesäubert hatte (Hanitzsch 1972, 97).

Die Hügelkuppe des Kapellenberges, am Rand der Ortschaft Groitzsch bei Eilenburg gelegen, ist seit über 80 Jahren als Fundstelle steinzeitlicher Feuersteinartefakte bekannt. Der Fundplatz wird dem späten Magdalénien, einer archäologische Kulturstufe der jüngeren Altsteinzeit, circa 17500 bis 12000 Jahre vor heute, zugeordnet.

Zu einer Zeit, in der der Mensch hauptsächlich damit beschäftigt war sein Überleben zu sichern, sich gegen die unwirtlichen Elemente der ausgehenden Eiszeit zu schützen, sind künstlerische Darstellungen besonders hoch einzuschätzen. Die Pferdegravierung von Groitzsch ist das bisher einzige Zeugnis figürlicher Kunst der Altsteinzeit in Sachsen, ihr Alter wird auf ca. 14000 Jahre geschätzt. Auf der Vorderseite dieses Kleinkunstwerks (Länge 53, Höhe 33, Dicke 7mm) sind zwei Pferderitzungen aufgebracht. Das feiner gearbeitete Pferd, von dem der Kopf mit Auge, Hals und Brustpartie zu sehen ist wurde sofort nach der Säuberung erkannt, nach einer Drehung des Objektes um 180° entdeckte man den zweiten, kleineren und gröber gearbeiteten Pferdekopf. Dass sich auf der Rückseite des Schieferplättchens ein dritter, in seiner Ästhetik die Darstellungen der Vorderseite übertreffender Pferdekopf befand, darauf wurde man erst später aufmerksam.

Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass die Gravierungen mit großer Wahrscheinlichkeit von mindestens zwei Personen ausgeführt worden sind, dieses eiszeitliche Kunstwerk also zumindest einmal von Hand zu Hand gegangen ist.

Die Pferde weisen einen kommaähnlichen „Einstich“ im Halsbereich auf, eine „magische Verwundung“, die Darstellung einer bewusst herbeigeführten Verletzung, welche als ein Hinweis auf rituelle oder magische Handlungen gedeutet werden. Diese Art „Einstich“ hat man in der altsteinzeitlichen Kunst bis heute nur im 70km von Groitzsch entfernten Saaleck gefunden. Es handelt sich gleichfalls um eine Schiefergravierung, der eines Pferdes (oder einer Hirschkuh). Es ist durchaus denkbar, dass es sich um Hinterlassenschaften desselben Personenkreises handelt. Dieser Umstand unterstreicht noch einmal die Besonderheit dieses Fundes.

Das Schieferplättchen kann im zukünftigen Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz [1], im Rahmen einer hochwertigen, die Bedeutung unterstreichenden Präsentation bewundert werden.


[1] Die Eröffnung soll im Frühjahr 2014 erfolgen.

Vorderseite, um 180° gedreht. © Landesamt für Archäologie | Foto: M. Rummer

Verwendete Literatur:
Hanitzsch, Helmut. Groitzsch bei Eilenburg. Schlag- und Siedlungsplätze der späten Altsteinzeit. Berlin 1972.
Kraft, Ingo: Die Pferdegravierungen von Groitzsch. Neues zu einem Stück figürlicher Eiszeitkunst. In: Archaeo 7.2010. S. 37-41.


Verfasser: Rüdiger Schlosske | Email: r.schlosske@portal-ev.de

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Die Heidenschanze in Dresden-Coschütz

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Trotz der Einschnitte immer noch gewaltig.

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Rekonstruktionsdarstellung einer Schmelzanlage.

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Blick von der Heidenschanze. Die Zivilisation sucht ihre Nähe, früher mit Schmelztechnologie, dann mit Steinbruch und heute mit Verkehr.

Am südwestlichen Rand Dresdens, bis zu 75 Meter über dem Tal der Weißeritz, welche nach wenigen Kilometern in die Elbe mündet, befindet sich eines der bedeutendsten Kulturdenkmale in Sachsen. Diesen Rang nimmt die Heidenschanze in der Fachliteratur ein. Der nur von Osten her leicht zugängliche große Felsvorsprung im Plauenschen Grund im heutigen Ortsteil Coschütz bot Menschen bereits vor langer Zeit einen natürlichen Schutz.

Aber was ist eine Heidenschanze? Eine Wintersportanlage im Wald? Eine Heidelandschaft besteht oft aus nährstoffarmen und sauren Böden. Aber nein, so eine Landschaft ist nicht gemeint! Hier lebten Menschen, die nach der Definition der Christen mit dem Heidentum verbunden waren. Also „alle von damals“. Wer sie waren, dazu später mehr.

Und was ist eine Schanze? So nannte man oft die provisorischen Befestigungsanlagen, welche aus allerlei Material zusammengesammelt wurden, auch Reisigbündeln. Diese Bündel sollen den Namen gegeben haben. Allgemein werden Erdwälle seit dem 16. Jahrhundert als Schanzen bezeichnet. Die frühen Bewohner nannten den Ort sicher anders.

Wer waren die ersten Heiden, die dort eine Schanze errichteten? Oder archäologisch angemessen gefragt: „Welche Funde welcher Kulturen wurden gemacht?“ Die Frage ist aber auch immer: „Wie wurde das Gebiet durch Menschen verändert und wann erfolgte die Erfassung durch Archäologen?“ Da hat die Heidenschanze interessante Antworten zu bieten.

Einigermaßen geordnet laufen Untersuchungen seit dem 19. Jahrhundert ab, mit einer modernen archäologischen Herangehensweise erst seit dem 20. Jahrhundert. Selbst französische Kriegsgefangene wurden 1940 bis 1941 herangezogen. Doch auch der Rohstoffbedarf wuchs in der Geschichte, sodass kräftig Steine gebrochen wurden. Dies geschah selbst dann noch, als das Gelände bereits unter Bodendenkmalschutz stand. Gelegentlich reichten Zeit und Energie nur noch für Rettungsgrabungen.

Die heute wahrhaftig angenagte Schanze hatte ihre besten Zeiten von der mittleren Bronzezeit bis zur frühen Eisenzeit, also etwa von 1300 bis 500 vor unserer Zeitrechnung. Auf dem herausragenden Ort siedelten Bewohner, deren Herkunft wohl nicht so klar ist, da keine Schrift benutzt wurde. Sie lebten typisch mitteleuropäisch mit ihrer Landwirtschaft, mit ihrem Handwerk, mit ihrer Kultur und Religion. Die Heidenschanze hatte mit dem im Osten besonders starken Wallbereich eine Schutzfunktion, die eine Besiedlung über lange Zeit sicherstellte. Aber vor allem wurde hier gelebt, in der Mitte etwas Landwirtschaft, am Wallrand wurde gewohnt und Handwerk betrieben. Um 1100 siedelten die Elbslawen eine Zeit lang in der noch vorhandenen, inzwischen uralten Befestigungsanlage. Ihre Spuren sind etwas gleichmäßiger im Gelände verteilt.

Der Mensch beherrschte natürlich vor tausenden Jahren schon lange Zeit das Feuer. Speziell hier waren die Bedingungen für das Verarbeiten von Bronze vorteilhaft. Denn was braucht ein Schmelzofen? Eine Menge gut dosierbarer Zufuhr von Luft! Wo geht das am besten? An einem Hang, vor allem wenn dort der Westwind drückt. Die Luft fuhr durch einen etwas schräg nach oben dem Hang folgenden Kanal, so bildete sich ein Kamineffekt. Zusätzlich hatte dieser Kanal eine konische Form ähnlich einem Trichter, um die Luft zu komprimieren. Zur Wanne des Ofens hin waren tönerne Düsen in die Lehmwand eingebaut. Für den Form- und Geräteguß dienten dann kleinere Öfen. Die beim Aufbrechen der Öfen übriggebliebenen Brandlehmmassen verwendeten die Bewohner recht sinnvoll für die Hausfußböden.

Rekonstruktionsdarstellung einer Schmelzanlage.

Rekonstruktionsdarstellung einer Schmelzanlage.

Knochenpfeilspitzen, oft aus Hirschgeweih, gehörten ebenfalls zum Produktionsangebot. Gefunden wurden unter anderem halbfertige Stücke. Formen und Größen weichen voneinander ab. Am stumpfen Ende befinden sich Pechspuren, notwenig für eine feste Verbindung zum Schaft. Sei der Altsteinzeit wird dieser Klebstoff verwendet. Nicht sicher ist der Zweck der gefundenen tönernen Tierfigürchen. Sie waren als Kultobjekte oder als Spielzeug bestimmt. Neben dem spitzschnabligen Vogelköpfchen kennt man verschiedene Teile von Säugetieren. Ein Vierfüßertorso könnte eine zahme Hauskuh darstellen, die Eutergröße lässt das vermuten. Insgesamt wurden sehr unterschiedliche Produkte und Gebrauchsgegenstände aufgefunden, manchmal unmittelbar beim Graben, manchmal nachträglich, ohne genaue Zuordnung im Schutt. Diese nennt man Lesefunde. Private Sammler, wie auch offiziell agierende Archäologen, suchten und fanden, allerdings bedrängt vom Steinbruch. Und das Wort Steinbruch bedeutet nicht nur einen Abbau von Rohstoffen, sondern hier auch eine Form von Gewalt gegenüber einem Dokument der Menschheitsgeschichte.

Den neuen Bewohnern der Region kam dieses verschanzte Stück Land der Heiden möglicherweise ungewöhnlich vor und sie stellten sich Fragen. Wer weiß, was die Leute dort früher trieben? Man erzählte von einer durch Feuer zerstörten Ritterburg, in deren Kellern sich noch sieben silberne Särge befinden sollen. Aber was sind das für Pfostenlöcher, die man tatsächlich an mehreren Stellen fand? Durch alle Schichten hindurch bis in den Felsen hinein sind sie Zeugnis für eine besondere Anstrengung. Während die zum Halten der Pfosten nötigen Keil- und Rammsteine verblieben, wurden die Pfosten sorgfältig und mit gewissem Respekt wieder herausgeholt. Angeordnet waren die Pfostenlöcher ungleichmäßig, nicht geradlinig, etwa in zwei bis drei Reihen. Vielleicht wurde die Siedlung damit gesichert. Doch warum kann es sich nicht um die damals verbreiteten Pfahlgottheiten handeln? Dafür spricht die behutsame Behandlung beim Abbau der Pfosten, die für Bauten ungeeignete Anordnung und natürlich der Name Heidenschanze. Aber das ist nur meine fantasievolle Idee und wissenschaftlich nicht bewiesen, bitte beachten! Und noch ein Gedanke. Ich stelle mir einen Turmbau auf dem Boden des abgetragenen Bereiches vor. Eine Brücke führt zur Schanze. Im Inneren des Gebäudes werden die Funde ausgestellt sowie die Lebensweise der Bewohner gezeigt. Aber bis dahin fließt noch viel Wasser von der Weißeritz in die Elbe.

Das Thema behandelt hauptsächlich den Bereich von Bronzezeit bis Mittelalter (Zeitleiste Archäologie in Sachsen).


Informationsquellen und Empfehlungen
Bemerkungen zu vier Bruchstücken prähistorischer Tierplastiken von der Coschützer Heidenschanze vom Standpunkt des Zoologen, Hans Petzsch Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. - Dresden : Landesamt für Archäologie. - Bd. 5 (1956), S. 217-224 ISSN 0402-7817
Zu den bronzezeitlichen Metallfunden von der Heidenschanze in Dresden-Coschütz und ihrer Rolle bei der zeitlichen und funktionellen Deutung der Burgen der Lausitzer Kultur, Coblenz, Werner Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. - Dresden : Landesamt für Archäologie. - Bd. 16/17 (1967), S. 179-211 : Ill. ISSN
0402-7817
Bronzeschmelzstätten auf der Heidenschanze in Dresden-Coschütz : Versuch einer Rekonstruktion Pietzsch, Artur Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. - Dresden : Landesamt für Archäologie. - Bd. 19 (1971), S. 35-68 : Ill., Kt. ISSN 0402-7817
Tonplastiken von der Heidenschanze Dresden-Coschütz, Coblenz, Werner Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. - Dresden : Landesamt für Archäologie. - Bd. 5 (1956), S. 225-286 ISSN 0402-7817
Knochenpfeilspitzen von der Heidenschanze von Dresden-Coschütz, Dengler, H. Sachsens Vorzeit : Jahrbuch für heimatliche Vor- und Frühgeschichte . - Leipzig. - Bd. 5 (1941), S. 51-69 : Ill. ISSN 0259-7853
Hoch über der Weißeritz : Hauptort des vorgeschichtlichen Dresden ist die Heidenschanze bei Dresden-Coschütz. Hier gab es vor rund 3000 Jahren eine gewaltige Burganlage, Nebelsick, Louis D. Dresden 8000 : eine Zeitreise; [Katalog zur Ausstellung] . - Dresden : Landesamt für Archäologie. - 2006, S. 42-50 : Ill.


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Startpunkt Sachsens. Geschichtsträchtiger Berg in Meißen

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Domplatz Südliche Erweiterung, 3. Bohlenweg, im Blick der gesamte Graben.

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Burgberg

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Domplatz, Blick auf das Brennhaus. Grabungsleitung: Daniela Gräf.

Als unsere Ahnen das Gebiet des heutigen Sachsen besiedelten und mit der Gründung des politischen Zentrums der Meißner Burg auch den Vorläufer Sachsens gründeten, wurden schon besonders wichtige Dinge in Urkunden aufgeschrieben. Natürlich geht es da um Besitzansprüche. Um aber ein umfassendes Bild über die Lebensweise zu erhalten, hilft nur die unmittelbare Suche nach Gegenständen oder anderen Spuren menschlicher Betriebsamkeit. Mit Hilfe der Archäologie wird versucht, Ereignisse auch ohne schriftliche Zeugen nachvollziehen zu können. Auch wenn eine Geschichte aufgeschrieben ist, hat sie ja ein Schreiber in einem bestimmten Auftrag geschrieben. Wer würde jeden Text jeder Zeitung als verbindliche Wahrheit begreifen? Allerdings ist die Halbwertszeit von Zeitungspapier viel geringer als die der alten Schriftstücke.

Um das 10. Jahrhundert herum gab es hier noch keine gefestigten Strukturen, noch lange keinen Ministerpräsidenten und keine Landtagswahlen. Verschiedene Völker lebten hier in den Vorzeiten eine Weile, dann wanderten sie weiter, dann kamen andere. Mal zogen von hier aus Ungarn nach Westen, dann trieben westliche weltliche Herrscher die Ausdehnung nach Osten voran. Zudem engagierten sich recht früh christliche Einrichtungen. Aus Richtung der „Thüringischen Sorbenmark“ zwischen Saale und Mulde wanderte die Missionierung mittels fränkischer, hessischer, „sächsischer“ Klöster, sowie einem Bayernkloster ebenfalls ostwärts. Zuwanderungen erfolgten in dieser Zeit durch slawische, dann im 12. Jahrhundert verstärkt durch die deutsche Bevölkerung. Sorbische Fürsten standen in Abhängigkeiten zu deutschen Königen. Polen beanspruchte das Gebiet, Böhmen herrschte zeitweise darüber. Überhaupt war der Prozess recht dynamisch. Die Marken sind nichts anderes als Grenzländer. Der Begriff Mark wanderte immer weiter mit den dazukommenden Gebieten ostwärts. Später wanderte dann ein anderer Begriff zu uns – und so wurden wir Sachsen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Mark Meißen war also neues Grenzland. Nachdem 929 unter Heinrich I. die slawischen Daleminzier ihre Macht verloren hatten, wurde auf dem Felssporn nahe dem Meisatal eine Reichsburg angelegt. Um sein Umland zu verteidigen sind erhöhte Standorte gefragt. Da es zwei Ebenen der Landnahme gab, durch Politik und durch Religion, entwickelte sich der Burgberg zu einem Zentrum beider Institutionen. Denn es braucht ja gemeinsame Werte, damit sich die Bewohner zum Land gehörig fühlen. Zusätzlich zum Markgraf am Standort der später entstandenen Albrechtsburg und dem Bischof im Dombereich gesellte sich dann noch der Burggraf, der sich am Westeingang der Burganlage postierte.

Der Meißner Burgberg wurde nicht an einem Tag bebaut. Die entstandenen Schichten spiegeln eine wechselvolle Entwicklung wider. Jede Zeit brachte ihre Erfordernisse, die äußeren Umstände wechselten. Dieser zentrale Standort mitten in Europa hat eine begehrte Lage. So wurden auf dem Vorhof im Bereich der heutigen Albrechtsburg bronze- und früheisenzeitliche Grubenfunde gemacht. Die intensive Nutzung setzte aber erst ab 929 ein. Verschiedene Grabungen ermöglichen einen kleinen Einblick. Gerade im massiv bebauten Raum der Albrechtsburg und des Domes ist nicht alles so einfach ergrabbar.

Gelangt man auf den Burghof, hat man den freien Blick zum Dom. Die Untersuchung der davorliegenden Freifläche brachte im Zeitraum von 1959 bis Anfang der 60er Jahre neue Erkenntnisse. Hier legten die Erbauer mehrmals Bohlenwege an. War eine solche Holzstraße gealtert oder sollte deren Ausrichtung anders verlaufen, dann wurde aufgeschüttet und die neue Straße darüber errichtet. An dieser zu dem herrschaftlichen Bereich führenden Zufahrtsstraße waren Holzhäuser angereiht, die im Lauf der Zeit ebenfalls mit der hochgelegten Neubaustraße in die Höhe wuchsen. Dort lebte das Personal, wahrscheinlich eine militärische Truppe. Die einheimische slawische Bevölkerung war den Herren auf der Burg verpflichtet und lieferte verschiedenste Waren. So wurden die zur ihrer Kultur gehörigen Messergriffbeläge, ein Schreibgriffel und allerlei Scherben gefunden. Vor dem Eingang des heutigen Doms liegt das quadratische Fundament eines massiven Steinturms, der dort aber nur bis vor 1300 stand. Auch frühe Mauern, die wahrscheinlich die Herrschaftsbereiche voneinander trennen sollten, wurden dort gefunden.

Eine andere Grabung wurde unmittelbar vor der Albrechtsburg durchgeführt. Mauern kamen zum Vorschein, auch ein quadratischer Kellerraum mit herabführender Treppe, allerdings blieb nur noch der untere Bereich des Raumes erhalten. Wenn man so will, gehört die Barockzeit mit August dem Starken sowie seinen nachkommenden Repräsentanten in die neuere bekannte Geschichte. Direkte Nachweise dazu sind aufschlussreich. Da die Residenzfunktion Meißens wegen der sächsischen Teilung schon lange nicht mehr erfüllt war, und sich auf dem Burgberg genügend Platz bot, fand man eine neue Nutzung. Hier entstand die vom sächsischen Staat gegründete Porzellan-Manufaktur. Die Fundamente der Brennöfen sind noch vorhanden.

Der Burgberg steckt voller Information. Was wir auf den ersten Blick sehen, verbirgt eine Entwicklung, die hinter den Dingen oder unter den Pflastersteinen liegt. Lassen wir uns durch den heute sichtbaren Ist-Zustand nicht allzu sehr über das Erscheinungsbild in den verschiedenen Zeitaltern täuschen. Noch ein Beispiel. Viel später als oft vermutet erhielten die Türme des Doms ihre Spitzen. Da fuhren bereits Dampfschiffe auf der Elbe und die Eisenbahn durchs Tal. Aber das sind für Archäologen Themen aus jüngster Zeit. Die Uhren der Archäologie laufen nicht völlig anders aber irgendwie doch in anderen Dimensionen.

Das Objekt wird intensiv genutzt zwischen Bronzezeit und Neuzeit (Zeitleiste Archäologie in Sachsen).


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Wie die Stadtgrenze einen Platz formte (I)

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Die freigelegte Barbakane.

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Ausmaße des Festungsbaues.

EINE FAST VERGESSENE MAUER

Die mittelalterliche Stadt Dresden war auf ein Verteidigungssystem und eine Mauer angewiesen. In der Funktion als sächsische Residenz wuchs die Stadt spürbar, doch nun stand die alte östliche Stadtmauer im Weg. Wo früher Grenzanlagen und Vorstadtsiedlungen lagen, befindet sich heute, mitten im Stadtzentrum, der attraktive Neumarkt. Touristen brauchen sich nur an der Frauenkirche zu orientieren, damit gelangen sie an diesen historisch bedeutsamen Ort.

Wie kam es eigentlich zu diesem Streit um ein neues Gewandhaus auf dem Neumarkt? Manche betonen, dass es auf diesem Fleck ja schon ein Gewandhaus gab, andere wollen eine Fassade wiederhaben, die sich ein Hausweit dahinter befand. Das neue Gewandhaus würde mit seiner Rückseite Wand an Wand mit dieser Fassade stehen. Merkwürdig! Aber gerade deswegen ist die Beantwortung so reizvoll.

Siedlungen mit städtischem Charakter bildeten sich in Sachsen seit der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Als Dresden gegründet wurde, entstand der alte Markt nach Plan, wie üblich an der wichtigsten Kreuzung. Entscheidend für die Gründung der Siedlung war der günstige Elbübergang, damit verbunden ein wichtiger Handelsweg nach Osten. Was man heute Neumarkt nennt, ist eigentlich der Grenzbereich zwischen der frühen Kernstadt und kleineren ungeschützten, vorgelagerten Orten, wie der Frauenkirchsiedlung. Aus der Stadt gelangte man nach Osten über die Frauengasse zum Frauentor. Es ermöglichte den Durchgang durch die frühe, um 1200 entstandene, Stadtmauer, die heute im Stadtbild nirgendwo mehr zu sehen ist. Reste der neueren Festung sind in Brühlscher Terrasse und Zwinger integriert und damit erfahrbar.

Einerseits war das Leben in der Stadt attraktiv, sodass die Bevölkerungszahl stieg. Andererseits mussten die Festungsanlagen auf den aktuellen Stand gebracht werden. So kam es wegen der Bevölkerungsentwicklung immer wieder zu einer intensiveren Flächenausnutzung. Für alte Siedlungsbereiche galten aber auch militärische Erwägungen. Eine zweite Mauer, die sogenannte Zwingermauer, musste 1427 in einem Abstand von etwa 17 Metern um die erste angelegt werden, damit die Unbezwingbarkeit gewährleistet bleibt. Vor dieser Zwingermauer lag noch ein 15 Meter breiter Graben, der südlich vom Frauentor zu einem kleinen Stausee anwuchs. Dafür sorgte der Kaitzbach mit seinem frischem Wasser. Der Bereich des davorliegenden ehemaligen Stadtgrabens blieb dagegen weitgehend unbebaut und wird seit einigen Jahren in Form einer Tiefgarage mit parkenden Autos \\"gefüllt\\".

Für die Bürger verlängerte sich der Weg aus der Stadt über die Festungserweiterung. Vorbei an der ersten Mauer, dann ein Stück Weg zur Zwingermauer, links davon entstand später das Gewandhaus, weiter durch das Tor über eine kleine Brücke. Endlich stand man auf einem steinernen Bau, der Barbakane. Dieses vorgelagerte Festungsbauwerk mit seiner halbrund gegründeten Mauer dient dem Schutz nach außen. Kein Feind konnte einfach durch das Tor sehen, zielen und schießen. Selbst der von dort aus weiterführende Weg knickte zur Seite nach Süden ein. Sicher ist sicher! Woher man das so genau weiß? Gerade die frühen schriftlichen Quellen reichen für das Verständnis manchmal nicht aus. Archäologische Grabungen ermöglichen Erkenntnisse, die das Handeln der Vorfahren erklären. Kann etwas ausgeschlossen oder bestätigt werden? Findet sich Unerwartetes? Ein sehr ansprechendes Beispiel ist genau diese halbrunde Barbakane mit dem daran angrenzenden Wassergraben. Selbst bauliche Veränderungen in Material und Ausrichtung der auf das Umland führenden Brücke sind erkennbar. Wie üblich, wurde später das nach oben ragende abgetragen, in der Tiefe blieb, was niemanden störte.

Die Frauenvorstadt, also der Siedlungsbereich um die alte Frauenkirche, wurde 1519 bis 1525 durch einen Erdwall mit Wassergraben und Bastionen geschützt, sodass die alte Stadtmauer unter Kurfürst Moritz zwischen 1521 und 1533 aufgegeben werden konnte. Das Areal zwischen der älteren, inneren Mauer und der neueren Zwingermauer war nun also frei geworden.

Das Thema behandelt den Bereich des Mittelalters (Zeitleiste Archäologie in Sachsen).


Teil II Fassadenwanderung am Neumarkt?


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Wie die Stadtgrenze einen Platz formte (II)

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Fotomontage Ausgrabungen Barbakane 2003 Gewandhaus 2006

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Fotomontage Ausgrabungen Barbakane 2003 Gewandhaus 2006

FASSADENWANDERUNG AM NEUMARKT?

Das Judenhaus im Bereich des Jüdenhofes hatte bereits eine Bedeutung als Lager- und Handelsplatz für die Tuchhändler. Diese Funktion übertrug man auf den Neubau des Gewandhauses, das auf der Fläche unmittelbar zwischen den beiden Stadtmauergrenzen seinen Platz fand. Erbaut wurde es 1525 im Süden, dann 1532-1544 im Norden. Das Erdgeschoss nahm die Fleischbänke auf.

Dann brachte die Geschichte eine Vielzahl von Wandlungen. 1591 war das Haus schon teilweise abgetragen, es sollte Rathaus werden. Damit gewann das alte Rathaus auf dem Altmarkt noch eine Galgenfrist. Dann begann der Wiederaufbau, die Unterkellerung gelang sparsamer, denn ein Rathaus hätte wegen seiner Ausführung, zum Beispiel durch größere Fenster, mehr Aufwand erfordert. In die Latrinen gelangte nicht nur unmittelbar menschlicher Abfall, auch Scherben finden sich, so Teile einer Bergmannstasse und ein Wasserkasten in kleiner Spielzeugausführung. Nachdem eigentlich alles beim Alten blieb, erwog man 1651 die Einrichtung einer Wachstube im Gewandhaus. Dafür sollte ein bestehendes Wachhaus auf dem längst entstandenen Neumarkt abgerissen werden. 1707 wurde wieder die Verlegung des Rathauses ins gesamte Geviert am Gewandhaus geplant. Bis 1708 verschwand das alte Rathaus. Da aber die Stadtverwaltung am Altmarkt bleiben wollte, entstand dort bis 1745 ein neues Rathaus in der Häuserreihe. Doch das Gewandhaus blieb im Interesse der Planer. Man dachte für eine mögliche Nutzung an ein Reithaus, ein Packhaus, eine Hauptwache als Ersatz für die „Canaletto“-Wache, auch eine Aufstockung mit Theater zog man in Betracht. Dresden hat mehr als nur eine Kriegsbeschädigung erlitten. Als im Siebenjährigen Krieg Häuser zu Bruch gingen, entstand in der Folge ein neues Gewandhaus an anderer „freigebombter“ Stelle, die Reste des alten verschwanden bis etwa 1791.

Nun kamen also die Brandmauern zum Vorschein, dort grenzte sich vor langer Zeit die Stadt vom Umland ab. Die Fläche des Gewandhauses entspricht ja etwa dem Raum zwischen alter Stadtmauer und neuerer Zwingermauer. Doch bereits ab 1803 durften die Bewohner der vorher verstellten Häuser ihre alten, baufälligen Rückwände mit Stützmauern, Fenstern und Toren versehen. Eine solche Stützmauer wurde bei archäologischen Ausgrabungen im südwestlichen Keller nachgewiesen. Es entstand nun in der alten Flucht eine neue, in Proportion und Nutzung sehr ansprechende Fassade. 1805 entschied man sich, den Bereich der Stadt als „area publica“ zu überlassen. Hier konnten nun Jahrmärkte abgehalten werden. Das Land hielt sich aber die Hintertür offen und behielt sich das Recht, die Fläche für eine Neue Hauptwache nutzen zu können. Da sich die Stadt ihrer Festungsmauern entledigte, schließlich wuchs die Bevölkerung und die Festungen verloren ihren militärischen Sinn, rückten andere Bebauungsgebiete ins Blickfeld.

Die Archäologie mit ihren Erkenntnissen hilft dabei, sich die Gegebenheiten bewusst werden zu lassen, um dann angemessene Schlüsse ziehen zu können. In der Geschichte dominieren zwei Bebauungsvarianten. Die neuesten Diskussionen ordnen sich in die historischen ein. Ganz sicher war die im 19. Jahrhundert entstandene Form stadtbildprägend, auch für den inzwischen aufkommenden Tourismus. So bleibt der Ort im allgemeinen Gedächtnis, so stellen sich die Menschen das „Alte Dresden“ vor. Doch die wechselhafte Geschichte dieses Areals sollte künftig deutlich markiert werden und damit immer ein Nachdenken und -fragen der Passanten auslösen. Zum besseren Nacherleben gehört es, die aufgefundenen Zeugnisse möglichst nahe am Fundort zu zeigen. Wer jemals glaubte, diese Fläche könne „einfach so“ bebaut werden, sieht sich also traditionell getäuscht. Dieser Raum fordert gewissermaßen „Lauf-Freiheit“ und die Besucher des Neumarktes werden wohl immer wieder von diesem Raum aus auf die umgebenden Fassaden sehen wollen.

Das Thema behandelt den Bereich vom Ende der Mittelalters bis hin zur Neuzeit (Zeitleiste Archäologie in Sachsen).


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Wie viele Frauenkirchen hatte Dresden?

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Umgebung der Frauenkirche | Grabungsbereich links dahinter

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Funde gab es auch in der Grube für den Hotelneubau (Dresdner Hof)

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Freiwillige Helfer an der Frauenkirche (Ausgrabung R. Spehr)

Kaum zu glauben. Es gab eine Zeit, da lag die Frauenkirche noch vor den Mauern der Stadt Dresden. Ob Einheimischer oder Tourist, wer soll das heute an diesem Ort nachvollziehen können? Begründen lässt sich die Situation so. Die Innenstadt war ursprünglich kleiner, für den Gang zur Frauenkirche mussten die Bürger ein Stadttor, das Frauentor, passieren. Auch stand da noch keine barocke Kirche, wie sie heute auf vielen Postkarten nicht fehlen darf.

Im Areal der heutigen Frauenkirche lebten schon Menschen der Stichbandkeramik und der Bronzezeit. Die intensive Besiedlung begann aber viel später, im 11. Jahrhundert. Bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts entstand ein Friedhof, zu dem normalerweise eine bereits bestehende Kirche gehört. Als Baumaterial hätte man wahrscheinlich Holz gewählt. Eine solche Kirche lässt sich aber gegenwärtig nicht nachweisen.

Die Gebietsaufteilung dieser Zeit ist für uns recht unübersichtlich. Der Elbtalkessel war jedenfalls wesentlicher Bestandteil des Gaues Nisan, auch als Königsgut „Nisana“ im Tafelgüterverzeichnis bezeichnet. Mit der Zeit ging Nisan vollständig in der Mark Meißen auf. Hier wuchs die Bevölkerung im 12. Jahrhundert weiter an. So entstand dann eine steinerne romanische Kirche mit einer Gesamtbreite von 21 Metern. Ihre Mauerreste mit einer Dicke von mehr als einem Meter sind allerdings nur an einigen wenigen Stellen ergraben worden.

Damit aber nicht genug. Um diese romanische Kirche herum steht, mit etwas Abstand, die Mauer einer gotischen Kirche. Das alte Fundament blieb im Boden. Den Neubau kann man sich nicht wie einen riesigen gotischen Dom vorstellen. Keine starken aufstrebenden Türme zierten den Bau. Auf dem Dach befand sich ein sogenannter Dachreiter mit seiner Spitze. Dies kann man sich auf alten Zeichnungen ansehen.

Der Friedhof bildete lange Zeit zusammen mit der Kirche eine räumliche Einheit. Es herrschte Enge. Nachdem sich die Stadt ihr Korsett lockerte und den Friedhof an dieser Stelle aufgab, wurde ein moderner Neubau begründet. George Bähr hatte die noch bestehende, zu klein gewordene Kirche vor sich. Die Frauenkirche wie wir sie kennen, nimmt den Ostteil dieser alten Kirchenfläche ein. Was unter Bährs Baustelle lag und woandershin gekarrt wurde, wissen wir leider nicht. Andererseits blieben uns westlich davon Mauern der Vorgängerbauten und Reste eines Friedhofes erhalten. Die Menschen gehen heute in Frieden darüber.

Bevor noch der erneute Aufbau begann, erschienen die Mauern der alten Frauenkirchen für eine kleine Vorwendezeit in neuem Licht. Die Sonne schien auf die Grabung und kein Tourist verirrte sich hierher. Der gesamte Platz war noch nicht einladend.
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In Dresden zählt man die Aufeinanderfolge von bedeutenden Gebäuden. Nach dem Wiederaufbau wird das Operngebäude gelegentlich als „Dritte Semper-Oper“ bezeichnet. Über die Bauten des Herrn Semper weiß man eben gut Bescheid. Ist eine Zählung bei der Frauenkirche sinnvoll? Welche war die erste Kirche? Mit Sicherheit existierten die romanische, die gotische und die barocke. Zählen neben den Neubauten die Umbauten, Erweiterungen und Zerstörungen mit? Lassen wir es lieber mit dem Zählversuch und nennen die Dinge oder Bauten beim Namen.

Das Thema Frauenkirchen behandelt den Bereich des Mittelalters mit Romanik und Gotik und der Neuzeit mit Renaissance und Barock. (Zeitleiste Archäologie in Sachsen).


Informationsquellen und Empfehlungen
R. Spehr, „Grabungen an der Frauenkirche von Nisan/Dresden“ 1994, 206-217 in J. Oexle „Frühe Kirchen in Sachsen – Ergebnisse archäologischer und baugechichtlicher Untersuchungen“


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Das Ortsaktenarchiv im Sächsischen Landesamt für Archäologie wird digital!

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Altendorf (Schandau) Rekonstruktion 1965. Die Lage der Gebäude und des ehemaligen Vorwerks waren zu klären. Der Zeichner gab sich viel Mühe, um die Situation anschaulich zu machen.

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Hier werden die Dokumente digitalisiert.

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Das „analoge“ Ortsaktenarchiv in alphabetischer Ordnung.

Seit 1901 besteht das Ortsaktenarchiv in Dresden. Gegründet wurde es nicht etwa, um alle sächsischen Orte aufzulisten, sondern für die Archäologie wichtige Hinweise über Funde und Fundorte zusammenzutragen. Die Vertreter der örtlichen Stellen füllten die notwendigen Fragebögen aus. Zwar sind auch heute unmittelbar am Ort des Archivs diese Akten „wälzbar“, das Recherchieren ist auf diese Weise trotzdem umständlich. Wir leben nun im Internetzeitalter und sind zügige Datenströmungen gewöhnt. Um die Bedingungen zu verbessern, graben sich die innerhalb der Bürgerarbeit berufenen Mitarbeiter von Portal e.V. durch die Akten und digitalisieren diese. Das tun sie seit Anfang Februar 2012 in den Räumen des Landesamtes für Archäologie Sachsen im Norden Dresdens.

Es dauert alles seine Zeit beim Digitalisieren, denn man muss verstehen, worum es in einer bestimmten Akte eigentlich geht. Die Tätigkeit ist kein ausschließlich technisch geprägter Vorgang. Auch redaktionelles Verstehen ist notwendig. Verschiedene Angaben zu Zeiten, Orten, früheren Bearbeitern sind zu registrieren. Zeichnungen und Handschriften sind zu scannen. Das ist eine Herausforderung für Mensch und Maschine.

Sprechen wir vom A und O, dann meinen wir das Wesen einer Sache. Der Ursprung kommt von Alpha und Ωmega, also den Anfangs- und Endbuchstaben des griechischen Alphabets. Unter A und Ω wird eine Vollkommenheit des Ganzen verstanden. Bis allerdings das Ortsamtsarchiv vollkommen durchdigitalisiert sein wird, werden wohl noch Jahre vergehen. Immerhin hat man bei der alphabetischen Abarbeitung der Orte längst die Akten der „A-Orte“, der „B-Orte“, wie auch der „C-Orte“ bewältigt. Gut so, seit Anfang Februar 2012 läuft das Projekt. Jetzt sind wir schon bei D wie Dürrwicknitz! Über 644 Gemarkungen wurden bearbeitet und 63833 Datensätze sind bereits entstanden.

Es gibt Dinge, die kann uns kein Rechner, kein Roboter, keine Maschine abnehmen. Wir Menschen sind auch dazu da, alte Akten zu verstehen, alte Notizen, Skizzen, Bemerkungen, Briefe und Daten ordnend zu erfassen, wenn sie eben nur wichtig genug sind. Und das sind sie! Aus den Mosaiksteinchen des Ortsaktenarchivs wird sich am Ende ein Mosaik bilden. Interessante Fakten sind gleichmäßig verteilt, bis zum letzten Buchstaben des Alphabetes, von A bis Z, von Alpha bis Ωmega.


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